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Gespräche 2002 - 2004, für das Magazin Alert. Alle Ausgaben können bestellt werden bei: Max Dax
Peter Hein 2002, Thomas Ruff 2003, Monika Sprüth 2003, Helge Schneider 2003, Thomas Schütte 2004. ...> Texte & Gespräche
Peter Hein, Gespräch 07 2002 |
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Es ist das Comeback des Jahres. Mit dem Sänger der legendären Düsseldorfer Band Fehlfarben sprach Andreas Reihse, Mitglied der Gruppe Kreidler, über psychedelisches Bier, Autobahnen, Fotokopierer, Finnland und Theaterkantinen.
Du hast all die Jahre täglich bei Xerox gearbeitet.
Und wenn Du auf Tour warst - wie jetzt bald wieder mit den Fehlfarben, oder all die Jahre hindurch mit Deiner anderen Band, Family Five?
Aber es gab für Dich nie die Entscheidung, die Arbeit hinzuschmeißen und nur noch Musik zu machen?
Du machst stattdessen eben nach Feierabend Musik.
Na ja, vielleicht würdest Du morgens andere Musik machen als abends.
Ich meinte auch mehr als Haltung. Ansonsten gilt das für Dich als Sänger wahrscheinlich schon.
Was machst Du denn sonst noch im Büro?
Also EDV.
Das hast Du gelernt?
Das war das Ende der Bänder.
Da schreibst Du dann Deine Texte?
Oder in der Straßenbahn?
Die Du nur anklicken brauchst, um direkt online zu gehen...
Also Du wirst bald outgesourct werden?
Und Gesundschrumpfungen...
Was stellt Xerox denn nun eigentlich alles her? Fotokopierer...?
Waffensysteme...?
The Care Company?
Aber sie fließen immer an unsereins vorbei.
Dann lieber gleich Telekom.
Wow. Und - nervöse neue Manager jetzt kurz vorm 11. September?
Der ist wirklich etwas fett geworden.
In der "Gala" oder "Hello" habe ich Paul Weller gesehen, wie er in einen Mini einsteigt...
Na ja, zumindest für das Foto ist er in einen eingestiegen.
Der Vater meiner Freundin hatte sich in jungen Jahren gerne neben fremden Mercedes Benzen fotografieren lassen.
(lacht, lach, lach).
Wie geht das eigentlich, in verschiedenen Bands und Projekten gleichzeitig zu singen. Wie schreibst Du, welche Texte nimmst Du für Fehlfarben, welche für Family Five...?
Es kommt wie es kommt?
Noch schnell in die Kneipe, zwei Stücke schreiben!
Und wie schreibst Du einen Text mit jemandem zusammen?
"Auto trag mich in die Ferne..."!
Und Du baust das dann so um, dass Du das auch singen kannst?
Also jetzt keine Frage zum Buch von Jürgen Teipel, "Verschwende deine Jugend", ...
Okay, dann so: Damals, von Fehlfarben zu Family Five hattest Du das doppelte F mitgenommen, Texte auch und die neuen Texte und die Musik wurde auch nicht aussergewöhlich anders,...
Family Five?
Ich habe euch eher wie späte Jam in Erinnerung, eine Hälfte des Konzerts mit Bläsern.
Hast Du die Violent Femmes gesehen, nach dem zweiten Album, als die auch Bläser dabei hatten für ein paar Stücke? Da war auf der Bühne ein Tisch aufgebaut, an dem haben die bei den anderen Songs dann Karten gespielt.
Die sitzen dann in der Künstlerkantine bis sie wieder angepiept werden.
Ein Stück von Arno Schmidt???
Ich bin ja, was Theater angeht, ein völliger Ignorant.
Magst Du eigentlich Musik?
Wie, 2001? Was kauft Du denn da?
Was bieten die denn an? Jazz, Klassik...?
Die berühmte 12CD-Box von The Kinks, die man sich sonst nie kaufen würde?
Kinks habe ich nie gekauft. Die mochte ich schon irgendwie, aber das waren auch immer so Platten, von denen man wusste, dass sie einfach die ganze Zeit über präsent bleiben würden. Da gab's dann immer eine wichtigere.
Genau, Finnland, wie buchstabiert man das eigentlich? Die waren doch auch mal in der Sowjetunion.
Ja, die waren doch bis zur Revolution unter Zarenherrschaft, 1917 autonomes Mitglied in der Föderation und dann für ein halbes Jahr etwa dabei. Für die Länder zwischen dem Kaspischem und dem Schwarzen Meer gab es hingegen kein Entrinnen.
Na ja, erobert - davor waren es selbständige Königreiche.
Für alles andere gibt es ja die Document Company.
Viele der neuen Texte auf dem neuen Fehlfarben-Album "Knietief im Dispo" sind ja etwas resignativ. "Club der schönen Mütter" formuliert als einziges eine Utopie. Ich dachte zuerst, das kippt noch ins Zynische.
So einen Song konntest Du auch erst heutzutage schreiben, oder? Was Du schilderst, konnte man früher doch nicht beobachten.
Also, Du erklärst eigentlich gar nicht viel.
Was heißt denn jetzt "nur"? Was Musik oder vielleicht Kunst doch zumindest versuchen könnte, ist doch Wahrnehmungen zu verändern.
Magst Du Reisen? Tourneen?
Was in Deutschland auch überhaupt keinen Spaß macht, das ist, die immer gleiche Autobahn mehrmals rauf und runter zu fahren.
Ich meinte übrigens weniger das Reisen, sondern das irgendwo ankommen und dabei kein Tourist zu sein.
Ich meinte: außerhalb von deutschen Autobahnraststätten.
Das nervt total, ich weiß. Du hast keine ruhige Minute mehr. Wenn wir mit Kreidler unterwegs sind, schreiben wir in die Verträge immer: "Backstage - a quiet and lockable room." Das hat auch ungefähr zweimal geklappt.
Mein letzter Lieblingsauftritt war in Hamburg, der hat sich dann plötzlich als CD-Präsentation der Vorgruppe entpuppt. Die natürlich sowieso unerträglich war und dann nicht mehr zu spielen aufgehört hat.
Ich mag das auch nicht. Vierzig, fünfzig Minuten reichen doch vollkommen. Am liebsten dieses britische Prinzip, drei Bands à 33 Minuten. Und vor Mitternacht ist Schluss.
Rumstehen, Biertrinken...
Gehst Du pogoen?
Hörst Du Deine eigenen Platten?
Wie? Warum hast Du die nicht nach Japan geschickt?
Du kommst zur Tür rein, der Plattenaufleger sieht Dich und spielt "14 Tage" - und Du gehst rückwärts raus.
Aber dennoch: Das Buch "Verschwende deine Jugend" und die Ausstellung "Zurück zum Beton" in Düsseldorf haben für Dich doch auch eine neue Präsenz mit sich gebracht.
Ich denke schon. Meins wurde mir geklaut, ich hatte es nur zur Hälfte gelesen...
Das Buch funktioniert auch so, dass du es nicht mehr aus der Hand legen möchtest, wenn du erst einmal angefangen hast zu lesen.
Du meinst: Wann habe ich denn eins in die Fresse gekriegt?!
Das private soziale Netz funktioniert hier im Rheinland eben noch ganz gut.
Oder Managertypen, die die Plattenfirma-Karriere gemacht haben. Aber wie fandest Du denn die Ausstellung zum Buch?
Die Ausstellung war seltsam. Toll, dass sie die Filme gezeigt haben, aber die Gitarre von Jürgen Engler an der Wand zu hängen... Das hatte was von Heimatmuseum-Kitsch - und gehörte doch eher ins Hardrock-Café.
Aber dass man sich die alten Fanzines vor Ort kopieren konnte, das war doch eine gute Idee, oder?
08 2003, leicht redigiert erschienen in Alert #08. ... top. |
| Thomas Ruff, Gespräch 05 2003 |
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In der Frühlingssonne sitzen wir auf der Holzveranda hinter Thomas Ruffs Atelier, einem ehemaligen Umspannwerk von dem Architektenteam Herzog & de Meuron umgebaut. Vor uns zieht ein Trupp von Handwerkern unverrichteter Dinge ab. Sie sollten den Keller sandstrahlen, aber ein herbeigeeilter Andreas Gursky stoppte das Unternehmen: aufgrund eines kleines Loches in der Wand ist sein benachbarter Keller in eine einzige Staubwolke gehüllt. Wir trinken Wasser und Kaffee und stellen die erste Frage.
Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Wie kamen Sie dann dazu, sich an der Kunstakademie in Düsseldorf zu bewerben?
Hatten Sie sich da schon mit künstlerischen Standpunkten und Fotografen auseinandergesetzt?
Wußten Sie, wer Bernd und Hilla Becher sind?
1977 sind Sie also nach Düsseldorf gekommen. Wie haben Sie Punk erlebt?
Sie kamen also als Hippie nach Düsseldorf?
Wie wichtig war Punk-Musik für Sie?
Waren es trotzdem schöne Zeiten?
Und wie war die Stimmung an der Akademie?
Meinen Sie, das hat auch was mit Düsseldorf zu tun?
(lachen)
Und jetzt haben Sie die Professur der Fotoklasse an der Kunstakademie Düsseldorf.
Und was bringen Sie Ihren Studenten bei?
Wie finden Sie die Studenten heute an der Akademie?
Wie hatten Sie denn damals die Becher-Klasse erlebt?
Sie sind ja immer noch in diesem Haus. Woran liegt es, daß sie Düsseldorf die Treue halten?
Für meine ersten Porträts hatte ich das Paris-Stipendium der Kunstakademie gekriegt. Das hieß aber auch: ein halbes Jahr Unterbrechung der Arbeit, denn in Paris kannte ich niemanden. Also ich bin da mehr oder weniger nur durch die Stadt spaziert. London habe ich mir irgendwie nicht zugetraut, da war es schon immer teuer. Am schönsten wäre natürlich eine südliche Hafenstadt, aber da ist man natürlich völlig am Arsch der Welt. Als ich dann anfing die großen Porträts zu machen, habe ich einfach gemerkt, wie perfekt Düsseldorf ist. Als Werbestadt - das heißt, jede Menge Labors, die innerhalb von 1 1/2 Stunden Filme sauber entwickeln können, und als Messestadt - die ganzen Labors sind es auch gewohnt, großformatige Abzüge zu machen.
Sehen Sie sich als deutscher Künstler, hat das eine Bedeutung?
Sie sagen, daß das Paris-Stipendium Ihr Arbeiten an den Porträts ausgebremst hätte.
...Gefegt zu werden.
Es gab ja auch den Vorwurf, die Porträts seien Nazikunst.
Wie kam es überhaupt zu den Porträts?
Gab es da Auseinandersetzungen mit den Bechers?
(lachen)
Dann ging es mit den Porträts weiter. Nachdem ich die Form endgültig entwickelt hatte - 9 x 12 Negativ, Kunstlicht, farbiger Hintergrund - bekam ich das Paris-Stipendium. Ich glaube, Bernd Becher war mit den Porträts nicht so richtig glücklich. Ihm fehlte das Dokumentarische. Man könnte sie als sachlich bezeichnen, aber trotzdem sahen sie doch sehr artifiziell aus. Damals ist mir zum ersten Mal klargeworden, daß Fotografie nicht nur bedeutet: Kamera, Linse, Objekt davor und klick!, sondern daß dazwischen auch jede Menge passieren kann, daß bei der Fotografie arrangiert und manipuliert wird, daß der, der hinter der Kamera steht, die Kontrolle über alles hat.
Spielt da das Moment der Überraschung eine Rolle für Sie?
Und setzen Sie sich während der Produktion mit jemandem auseinander?
Wie kamen Sie auf die Idee, ausschließlich Leute von der Akademie zu portraitieren?
Mit diesen Porträts haben Sie sich dann vom künstlerischen Konzept der Bechers gelöst.
Wie kamen Sie zum großen Format?
War die Ausstellung in Villeurbanne ein Erfolg?
Gab es zu der Zeit eine Auseinandersetzung mit Gursky oder Struth?
Sie sind also der Pionier des großformatigen Fotos.
Und Kodak war Schuld, daß Sie mit den Porträts aufgehört haben?
Kommen wir also zu den Sternen.
...Rutger Hauer...
Bei den Sternen wurde mir klar, daß ich zum ersten Mal die Aufnahmen nicht selber machen konnte. Ich wußte aus meiner Amateurzeit, mit Sternenfotografie ist in Mitteleuropa aufgrund der Licht- und Luftverschmutzung nichts zu machen. Zunächst wollte ich einem Profi die Aufnahmen nach meinen Vorgaben machen lassen. Aber das ging nicht, denn auch ein Profi wartet unter Umständen Jahre bis er an einem großen Teleskope arbeiten kann. Also mußte ich auf schon bestehendes Material zurückzugreifen. Ich wußte, daß für wissenschaftliche Forschung schon der ganze Himmel abfotografiert worden war. Ich habe dann recherchiert und am astronomischen Institut der Universität Bochum den fantastischen Satz von 600 großformatigen Negativen gefunden. Aufnahmen der Europäischen Südsternwarte (ESO) in den chilenischen Anden. Die ESO verkauft Kopien der Glasnegative auf Gelantine-Film an astronomische Institute und Universitäten. Den Satz für 25.000 Mark. Das war ein Haufen Geld, aber ich hatte mit meinen Porträts genug verdient, um die Investition machen zu können. Und nun hatte ich das beste Material, das es auf der Welt gab. Nun konnte die Arbeit beginnen. Das lief dann so: Ausschnitt wählen, vergrößern, an die Wand hängen. Das war die bequemste Arbeit, die ich je gemacht habe. Nicht von Wind und Wetter abhängig sein, nicht morgens um fünf Uhr aufstehen, um auf das richtige Licht zu warten. Stattdessen so lange schlafen, wie man will, aufstehen, Leuchttisch anmachen, Ausschnitt wählen, ins Labor geben und abholen. Aber das war jetzt natürlich nur die Kurzversion.
Wie kommen Sie überhaupt zu Ihren Sujets?
Ich würde einfach sagen, jeder Künstler ist ein normaler Mensch, der ein alltägliches Leben führt. Und in diesem Leben stößt man einfach auf bestimmte Dinge, man kommt in Situationen, die einen inspirieren oder man regt sich über die politische Weltlage auf und reagiert dann darauf.
Der gesellschaftliche Kommentar ist also wichtig in Ihrer Arbeit?
Ich gehe davon aus, daß jedes Kunstwerk politisch ist. Jeder Mensch, auch der Künstler, ist ein gesellschaftliches Wesen und setzt sich mit der Gesellschaft auseinander. Man kann sich nur über den Grad streiten. Wenn ein russischer Künstler unter Stalin nur Blumen malt, kann das natürlich total politisch sein. Nur weil eine Arbeit offensichtlich politisch aussieht, muß eine andere, die offensichtlich unpolitisch aussieht, es noch lange nicht sein.
Waren die Nacht Bilder Ihre Art des Protests gegen den Golfkrieg?
Woher hatten Sie den Restlichtverstärker für die Nacht Bilder?
(lachen)
Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit Foto-Technologie für Ihre Arbeit?
Und spielen philosophische Momente eine Rolle für Sie?
(lachen)
Quälen Sie sich auch mal an einem Motiv? Scheitern Sie auch?
Das sehen Sie ganz gelassen.
Wie ist das mit Ihren Werkreihen? Ist für Sie eine Serie irgendwann beendet?
(lachen)
Das andere, was ich überprüfen wollte, war, darf ein Künstler sich selbst imitieren? Darf er 1998 eine Arbeit von 1988 kopieren. Was sagen die Leute dazu.
Und was haben die Leute gesagt dazu?
(lachen)
Also ich glaube, viele haben es gar nicht gemerkt, daß ich jahrelang keine Porträts gemacht habe. Die dachten, klar, Ruff, große Köpfe, es geht weiter.
Und das Papier?
Also nicht, weil die alten Fotografien Patina angesetzt hätten.
Für Ihre Werkreihe, die nudes, hatten Sie das Internet als Materialquelle genutzt und dieses Material anschließend im Rechner bearbeitet.
Und Sie hatten dann plötzlich einen Kommentar zu Gerhard Richters "unscharfer Malerei".
Sie mußten sich also mit der schlechten j-peg Auflösung auseinandersetzen.
Haben Sie eigentlich einen Lieblingsfotografen?
(lachen)
Ein schönes Schlusswort.
08 2003, leicht redigiert erschienen in Alert #11, Interview mit Christian Jendreiko ... top. |
| Monika Sprüth, Gespräch 08 2003 |
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Monika Sprüth feiert dieses Jahr das 20 jährige Bestehen Ihrer Galerie. Sie, die gemeinsam mit Künstlerinnen wie Cindy Sherman, Jenny Holzer, Barbara Kruger und natürlich Rosemarie Trockel groß geworden ist, aber auch Fischli und Weiss, George Condo, Thomas Demand oder Andreas Gursky vertritt; sie, die mit ihrer Galerie-Politik entscheidend eine feministische Gegenwartskunst mitgeprägt hat; der er es aber genauso wichtig war, zwei Kinder aufzuziehen; und die eigentlich sowieso lieber über Fußball sprechen möchte, als über den Kunstmarkt. Wir sitzen vor den Toren von Köln im Gras und schauen ihrem Sohn beim Fußballspielen zu. Leider wird er wegen Magenschmerzen das Training vorzeitig abbrechen. Unser Gespräch wird seine Fortsetzung in Monika Sprüths Küche finden - wo sie das Abendessen für Ihren Sohn und ihre Tochter kocht.
Was hat denn jetzt Fußball mit Andreas Gursky zu tun?
Also so einfach wollte ich das nicht beantwortet wissen.
Haben Sie selbst gespielt?
Nach Sloterdijk.
Wenn ich ein Fußballspiel sehe, und für keine der beiden Mannschaften eine besondere Sympathie hege, ändert sich das sofort, wenn die einen foulen, oder die kriegen ein Tor zugesprochen, was eindeutig Abseits war oder der Schiedsrichter benachteiligt die.
Aber die bessere Mannschaft ist doch die, die gewinnt, oder?
Also Bayern München spielt ja auch schon mal schlecht, gewinnt aber doch. Wo man dann denkt, jetzt haben sie sechs Spiele lang guten Fußball gezeigt und jetzt spielen sie zwei Spiele schlecht, aber gewinnen trotzdem, vielleicht weil sie routiniert sind.
Aber in erster Linie ist es die größere Marke.
Und wie schauen Sie Fußball?
Und in der Wirtschaft wohl auch.
Sie erwähnten gerade, sie seien eigentlich Architektin.
Weil Kunst damals so brotlos war?
Und Architektur könnte ja etwas mit Kreativität zu tun haben.
1968 begannen Sie, an der RWTH Aachen Architektur zu studieren.
Beispielsweise eine Galerie eröffnen.
Stimmt, da gabs nicht viel. Annely Juda in London...
Für Ihr Magazin Eau de Cologne?
Sie selbst waren dann auch künstlerisch tätig.
Zwei Jahre?
Aber ein wenig über Galerien muß man doch wissen...
Der sie ja vorallem nicht heiraten konnte, weil seine Ehefrau aus religiösen Gründen nicht in die Scheidung einwilligte.
Das heisst, Sie hätten sich an einer Stelle angreifbar gemacht, um die es gar nicht geht, wo gar nicht über Inhalte gesprochen worden wäre.
Oder Barbara Kruger, die Typografie, Werbegrafik und Drucktechnik benutzt.
Und Sie haben Ihnen die Öffentlichkeit geschaffen.
Ihre erste Ausstellung war im Februar 1983.
Und als erster Besucher kam der Galerist Michael Werner - ich weiß nicht warum, nenn' es Glück oder was. Nicht, daß ich damals bekannt gewesen wäre. Dann kam der Sammler Ludwig, und der hat gleich eine Skulptur gekauft. Meine Galerie lag im dritten Stock ohne Aufzug, trotzdem machte er sich auf den Weg nach oben. Auch Ilena Sonnabend machte sich die Mühe. Und Paul Maenz - der hatte mir auch seine Adressenkartei zur Verfügung gestellt.
Maenz schloß nach den Achzigern seine Galerie.
Die Mutter von Philomene Magers war natürlich auch eine berühmte Galeristin.
... Offensiv und international platziert.
Ihr Magazin Eau de Cologne haben sie dann zweisprachig - deutsch-englisch - angelegt.
Wie sehen Sie das Selbstverständnis einer Galerie?
Sie stellen ja in erster Linie Künstler Ihrer Generation aus. Ein paar jüngere sind auch dabei, aber auch ein paar ältere.
Mit Andreas Gursky arbeiten sie auch schon im zwölften Jahr zusammen.
Aber Andreas Gursky ist als Künstler in unserer Zeit ein besonderes Phänomen, wo ich gefordert wurde, an einem Punkt, der mich ursprünglich nicht sonderlich interessierte, und wo ich auch keine Ahnung hatte: wie funktioniert der Kunstmarkt, wie ist er beeinflußbar? Das ist dann eine Herausforderung, die mir an so einem Fall wirklich Spaß macht. Wie schafft man es bei einem Künstler, mit dem so spekuliert wird, den Markt stabil zu halten. Das kann man alleine gar nicht, da braucht man gute Partner - er stellt ja mit Matthew Marks in New York aus, und mit denen ist eine gute Kooperation möglich. Wie schafft man es, die Diskrepanz zwischen den sogenannten primary market Preisen und den secondary market Preisen oder Auktionspreisen umzugehen, ohne daß es der Karriere des Künstlers schadet. Da die richtigen Strategien zu entwickeln, war sehr interessant für mich. Hier wurde auch die Notwendigkeit, die Galerei in London zu eröffnen, deutlich: nämlich Künstler der sogenannten mittleren Generation zu wirklich bedeutenden Künstlern zu machen; das heißt, daß die Preise stabil bleiben, erfordert, daß man international mehr Einfluß und Kontrolle auf dem Kunstmarkt ausübt.
Können Sie Ihre Strategien bezüglich des Marktes erläutern?
Lesen Sie über Kunst?
Sie machen kein Tai Chi oder so etwas?
Nee. Ich dachte nur so, bei all Ihrer Arbeit.
Um sich zu entspannen.
08 2003, leicht redigiert erschienen in Alert #13, mit Fotografien von Thea Djordjadze ... top. |
| Helge Schneider, Gespräch 12 2003 |
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Komissar Schneider ist eine brutale Sau, vergisst das aber immer gleich wieder. Schneider, der Jazzmusiker, hingegen ist nett zu alten Freunden und verkauft in seinem neuen Film Aale in Mühlheim an der Ruhr. (....)
12 2003, erschienen in Alert #14, Interview mit Max Dax ... top. |
| Thomas Schütte. Jammern auf höchstem Niveau. Gespräch 08 2004 |
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(....) Thomas Schütte einer der erfolgreichsten und wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer. Entwirft Architekturmodelle, deren äusserliche Nettigkeit er durch die Bezeichnung in eine beobachtete Bösartigkeit umschlagen läßt, stellt sich in die jahrtausendalte Geschichte der Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur - und lässt seine Skulpturen kippen vom Humorvollen oder Erotischen ins plötzlich Lächerliche, dann Bedrohliche. Cinemanisch - was man in seinen szenischen Installationen entdecken kann. Figur und Grund, Figur und Sockel, wird am Trafalgar Square 2006 sein Hotel for Birds errichten. Kirschendenkmal, Flüchtlingsabschiebung, Porzellan-Nippes, Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus und ein Raum im KZ Neuengamme. Aber dann geht es genau wieder um die Oberfläche, um das Material und das Handwerk. Disziplin und Strenge, Beschwörungen, die Couch und die Geister schrecken auf aus dem Schlaf der Vernunft. Und ein toller Zeichner übrigens auch.
Vielleicht möchten Sie sich kurz vorstellen.
Vielleicht könnten Sie doch ein bisschen mehr dazu sagen, vielleicht, wie Sie zur Kunst gekommen sind.
Und Führerscheinprüfung...
Kunst, weil Sie dachten, da hätten Sie auch Freiraum zum Trommeln, vielleicht?
Nein getrommelt habe ich bis heute nie, auch nie gefilmt. Vom Studium hatte ich keine Vorstellung. Das Schlüsselerlebnis war die Documenta V, von Harald Szeemann kuratiert, 1972, auf die sich immer noch alle beziehen. Die hatte ich erst mit der Schule gesehen und dann mit meiner Freundin. Aus dem Stand wurden da Dinge behauptet, die sich gehalten haben. Das ist bis heute die ungeschlagene Documenta, die einzige mit einer höheren Trefferquote. Wo sich das schwierige Zeugs durchsetzte, die "Kunst der Irren", Daniel Buren, Minimal-Art, Fotorealismus, auch die Pop Art. Beuys saß das ganze halbe Jahr dort - und bekam so eine politische Macht, dass er ein halbes Jahr später ja vom damaligen Minister Johannes Rau aus seiner Düsseldorfer Professur rausgeschmissen wurde. Jedenfalls dachte ich, in der Kunst ist Platz für jeden - für die Blumenmaler, für die Tapezierer und für die, die gar nichts machen oder nur Steine hinlegen.
Sie haben bei Fritz Schwegler und bei Gerhard Richter studiert.
Im Orientierungsbereich bei Schwegler. Danach bei Richter Fotos abgemalt, und es sofort sein gelassen, als ich merkte, wie einfach das ist. Die richtig guten Klassen der Akademie hatten Aussenabteilungen - ohne Hausmeister. Wir alle hatten einen Schlüssel und auch das Recht, die Räume einzurichten: die Spinde da hin, da die Staffeleien, keine Vorhänge. Wir gingen Tag und Nacht ein- und aus. Geheizte Räume mit Licht, alles offen, Auseinandersetzung mit den anderen - das erreicht man sein Lebtag nicht mehr, das kann man gar nicht bezahlen. Diese Hühnerställe, jeder gegen jeden, das kam erst später.
Also keiner dachte an Egotrips oder Karriere?
Kein Gedanke. Es gab kein Geld, Bücher, ohne Farbe - schauen Sie sich alte Zeitungen an, alles hektografiert. Die Professoren kamen eineinhalb Stunden in der Woche - ohne uns auf die Nerven zu gehen, den Rest der Zeit sollten wir bitteschön arbeiten, das war kein Rhetorikkurs, sondern Studium: Denken-Machen-Tun. Das beste Publikum waren die anderen, das ist nicht zu unterschätzen. Damals war das wie verschiedene Handballclubs - die einen haben Ecken abgemalt, die anderen Hölzer lackiert. Es war kein Schulunterricht und auch keine Vereinzelung. Und den jährlichen Rundgang haben wir für uns gemacht. Nicht für die Eltern.
Oder für die Galeristen.
Auf die Idee ist überhaupt keiner gekommen. Damals konnte man noch von vierhundert Mark im Monat leben. Man hatte keine Krankenversicherung, man brauchte kein Telefon, man hatte ja Telepathie - man wußte, wann der oder der um die Ecke kommt... Die Freundschaften sind heute vielleicht etwas auseinander gegangen - alle haben ganz viel zu tun, viele haben auch gar nichts zu tun - aber es ist doch eine ganze Truppe übrig geblieben, deren Entwicklung man bis heute mitverfolgt. Was noch ganz wichtig war, ich wollte nie lehren. Diese Generation nach Willy Brandt wollte ja alles besser machen, alle meine Freunde haben Lehramt studiert - dann fielen einige unter den Radikalenerlass, dann gab es einen Einstellungstop - jedenfalls keinen haben sie genommen. Ich habe jeden Tag für mich gearbeitet, bin jede Nacht ins Kino gegangen, war jahrzehntelang alleine.
Trotz der anderen Studenten?
Ich meine: beziehungsunfähig. Die anderen irgendwie auch. Wir zogen wohl das Arbeiten dem Beziehungsstress vor. Aber es gab auch an jeder Ecke eine Wasserstelle, nicht nur die Akademie, sondern Ratinger Hof, Uel, später Op de Eck - da hatte immer eine Truppe Hausrecht. Jede hatte so ihre Orte. Oder im Kino: wir immer Reihe fünf. Statt zuhause rumzusitzen bin ich ins Kino, Ticket, zwei Bier - das war billiger als heizen. Dadurch habe ich einige tausend Filme gesehen.
Und wie waren die jungen Professoren?
Einfach Spitze. Ohne Pathos, ohne Dünkel, einfach kollegial. Einladungskarten mitgebracht, Kameras verliehen, Bücher hingelegt, also eins-zu-eins informiert. Auch ihre Kollegen mitgebracht. Da kam dann dauernd Daniel Buren in die Klasse oder Lawrence Wiener; Richard Serra saß in der Kneipe rum - das war ganz normal. Und das Grundgerüst, uns allen eine gemeinsame Sprache zu geben - dafür war Benjamin Buchloh zuständig, heute der Theoretiker in Amerika. Er hatte einen Lehrauftrag und im Grunde nichts anderes gemacht, als das Artforum abzufotografieren - nur war das da noch eine Künstlerzeitung, kein Modemagazin - also Information aus erster Hand - Donald Judd, Jenny Holzer, Michael Asher... ganz brühwarm. Buchloh hat uns eine gemeinsame Plattform verschafft und Haltung und Stil - deswegen laufen die Leute auch heute noch alle ziemlich ähnlich rum. Und das hat diese Schlagkraft ermöglicht - dadurch dass es diese Verbindlichkeiten gab und eine gemeinsame Aufgabe: also jetzt sind DIE die Helden, mit denen kann man auch ein Bier trinken,aber was machen WIR denn - und jeder hat einen Ausweg gefunden. Und das Zentrum, die beste Akademie weltweit, war eben Düsseldorf. In und out, das gab's damals nicht - da hat keiner einen Gedanken dran verschwendet an diesen Zierrat.
Wichtig auch für die Musikszene?
Also die Punkies später hatten mehr oder weniger alle ihre ersten Auftritte auf Akademiefesten. Aber Kunststudenten waren die ja nicht, die waren auch jünger. Wir Studenten hatten ja alle 'was Geld - zumindest für'n Bier und Eintritt. Also dieses Buch "Verschwende Deine Jugend", das ist ja grottig,, und das bildet ein völlig beknacktes Bild ab vom Saufen und Raufen.
Da gibts eben keinen Lehrlauf, nur Action...
Ja, so wie "Opa erzählt vom Krieg". Natürlich hatte ich ziemlich viele Konzerte gesehen. Das war aber doch sehr beschränkt, langweilig. Also DAF war das Beste, die wollten es richtig machen, professionell - die haben alle an die Wand gespielt, die anderen waren so Amateure. Wir alle waren ja im Publikum, aber mit 'ner Distanz: die meisten von uns waren schon mal gereist, also jetzt London, New York, und haben da die eigentlichen Quellen mitgekriegt, Punk, New Wave. Insofern war das hier nicht so wichtig. Ein Freund von mir meinte, "Verschwende Deine Rente". Es sind doch nur die Opas, die Geld verdienen in der Musikindustrie. Die Väter geben das Geld aus, kaufen Cds. Die Jugend ist so Hühnerfutter - rein raus, total egal.
Und wie sind Sie dann aus der Akademie rausgekommen?
Das Komische ist, ich habe sofort Stipendien und Kunstförderungen gekriegt und dann Ausstellungen - auch große richtig gefährliche Preise...
Jürgen-Ponto...
Jürgen-Ponto-Stiftung. Genau, war ich der erste. Und tierische Schwierigkeiten gekriegt mit den Polit-Leuten... Aber wirklich, mit 24, 25 sind wir richtig rumgereicht worden, haben ausgestellt, allerdings nichts verkauft... Zum Beispiel diese riesige Ausstellung "Westkunst" in der Kölner Messe. Ich bin natürlich total baden gegangen, denn die Aufmerksamkeit lag auf den Wilden Malern: Das war der Gegner, die haben damals unheimlich viel Geld verdient, alles versoffen, alles weg - später. Bei der Eröffnung saß selbst unser Galerist bei den Italienern auf'm Schoß - also Clemente, Ghia, Gucchi, wir hingen wie die Penner in der Ecke rum und durften uns unser Bier selbst holen. Wir waren dabei, aber es hat niemanden interessiert.
Sie wurden damals mit Klingelhöller und Mucha, aus der Minimal-Art kommend, als "Die Modellbauer" bezeichnet.
Ich hatte dort die ersten Modelle gezeigt - ein Jahr lang dran gearbeitet. Jetzt im Nachhinein als Überlebender muss ich natürlich schmunzeln - diese Modelle gibts immer noch und mich auch. Aber dieser frühe, verdrehte Erfolg - weil das war ja nicht mit Geld verbunden, nicht mal mit Akzeptanz. Das war eine sehr harte Erziehung, die haben uns genauso angepackt wie Erwachsene, das war richtig rabiat. Ich hatte da massive Krisen, nicht durch Misserfolg, sondern durch diesen komischen Erfolg. Also du stellst aus vor zweihundertfünfzigtausend Leuten, aber keiner guckt hin, keiner berichtet, keiner macht ein Foto. Und zuhause hast du kein Geld für fünf Liter Öl, um das Zimmer mal über zehn Grad warm zu kriegen.
Die Akademiezeit war gemütlicher.
Ja, die wurde gesponsort von Bafög. Aber wenn man dann richtig arbeitet, kostet das ja auch Geld. Diese Anfangszeiten nach der Akademie habe ich in sehr schlechter Erinnerung , zwar irrsinnig produktiv und fleissig - ich hatte das neulich gesichtet, ich hatte alle zwei Wochen eine Eröffnung - da gebastelt, ratz-fatz, und das ist alles in den Galerien geblieben, das hatte keiner weggeschmissen, aber Geld war knapp, eine ewige Krise.
In dieser Zeit wollten Sie es aber nie hinschmeissen.
Der Tod stand leibhaftig vor der Tür, der Selbstmord auch. Ich hatte schwere psychische Krisen, Ängste. Habe den Alkohol und die Lacke so schlecht vertragen, dass ich mehrmals komplett zusammengebrochen bin und dann in geschlossenen und offenen Abteilungen untergebracht war. Immerhin lassen sie dort Künstler doch so in Ruhe, dass die schadlos daraus hervorgehen können. Ich habe eine richtige Karriere in der Psychiatrie gehabt. Das tut heute nicht mehr weh, ausser dass ich ziemlich auf dem Teppich bleibe, egal was passiert - also Drogen, Exzesse fand ich immer albern. Die Lichter haben ganz schön geflackert damals.
Ein paar Jahre später konnten Sie von Ihrer Kunst leben.
Wie der Bogen nach heute geht, weiss ich gar nicht - ausser dass es immer noch Spass macht. Und dass aus jedem Projekt 'was rauskommt - also die Fähigkeit, aus dem Fenster zu fallen, aber immer auf die Füsse. Wie eine Katze. "Mission Impossible" - da, wo alle die Augen verdrehen, da wo nichts mehr geht, da kann ich durch die Wand - da öffnet sich irgendwo so 'ne Tapetentür, irgendwie komme ich da durch. Je verbauter die Situation wird, das merke ich spätestens beim Installieren, desto spannender wird's auch. Im Moment suche ich neue Rollen oder Projekte, also die Frauen und die Geister und die Architektur, das rollt jetzt so langsam aus, die Kicks muß ich mir immer noch selbst suchen - was kann ich mal machen, ohne die Produktion aus Karriere- oder Geldgründen endlos zu verlängern? Häuser bauen in Brasilien.
Sie gehen mit Ihren Arbeiten ja nie auf Nummer Sicher, sie wechseln Material, Technik und experimentieren gegen bis dahin gültige Regeln. Oder einige Ihrer Keramikarbeiten balancieren gefährlich zwischen Kitsch und Kunst. Haben Sie da keine Angst auch mal abzurutschen?
Wenn das nicht spannend ist - Spannung heisst ja, es oszilliert zwischen Minus und Plus - dann nimmt mich das nicht mit. Also Telefonanruf: "Geist Nummer 15 in Bronze, mach mir den mal einen Meter größer" - den normalen Warenhandel, das kann ich auch, aber das interessiert mich nicht. Oder Größe - ich habe ja auch als Student nicht kleiner gearbeitet. Ich hatte früher immer viele Ängste, Verfolgungswahn, alles mögliche, richtig massiv - wie jeder wahrscheinlich, der zu viel trinkt - aber in der Kunst nie. Es gibt Dinge, die müssen eben gemacht werden, und da habe ich auch keine Angst.
Und keine Kicks von aussen?
Ich höre relativ wenig. Trotz dieser Riesenausstellung jetzt im K21. Da tut sich nichts. Da schreibt mal 'ne englische Zeitung 'ne Doppelseite, mit ein paar Argumenten dafür oder dagegen. Aber von einer Diskussion oder Debatte krieg ich nichts mit. Das mag jetzt klingen, wie Jammern auf höchstem Niveau - aber es ist T.o.t.e.n.s.t.i.l.l.e.! Hier klingelt jetzt seit 2 Stunden nicht das Telefon. Und manchmal nicht in 48 Stunden. Vielleicht haben die Angst.
Dabei stehen Sie im Telefonbuch.
Ja, das ist eine ganz merkwürdige Diskrepanz, zu wissen, man liegt vorne, hört aber nichts. Nicht einmal die besten Freunde setzen sich hin und schreiben mal eine Postkarte. Die sagen nur immer: Joo, prima, gut... Auf der anderen Seite der Markt - da wird das Zeug verscheuert, aber das ist natürlich frustrierend: Das ist wie bei Aldi, wird so durchgescannt: 150.- 200.-... ohne jeden Kommentar. Es dauert immer ein Jahr oder zwei, dann ist eine Arbeit im kleinen Kreis einigermassen akzeptiert. Die Resonanz kommt immer Jahre zu spät. Es ist ziemlich anstrengend, immer die Lokomotive zu sein, irgendwelche Projekte, irgendwelche Themen aufzugreifen, durchzusetzen, zu realisieren... Und dann Jahre später, kaum ist alles verhökert für'n Appel und 'nen Ei, kommen die dann an und bieten dicke Batzen. Und ich hab nix mehr und bin ganz schön am fluchen.
Keine Kiste im Keller?
Nein, ich kann das ganze Zeug auch nicht aufbewahren, das muss unter die Leute. Eigentlich nur die Notizen. Blöckeweise in Kartons. Aber es gab auch Jahre, die waren für alle scheisse, da gibt's schon einige Sachen, die hätte man nicht machen sollen. Aber jeder Handschlag ist mit Leben erfüllt. Also bei den Basteleien bin ich schon ziemlich erstaunt, dass man mit so wenig so weit kommt.
Bei Ihren Basteleien?
Unsere Helden, das waren die monomanischen Leute - ausser Richter, der hatte zumindest 2-3-4 Tricks drauf. Aber die anderen kannten nur einen Trick. Die haben immer dasselbe gemacht. Füruns war klar, so geht‘s nicht. Es ist zwar gut, super gut - aber nicht für uns. Einmal Karomuster und dann immer karo. Nein. Man muss in Bewegung bleiben. Ich bin jetzt seit einiger Zeit am Archivieren, am Beschriften, in den Computer einzugeben, die Bibliothek zu sortieren - ich habe das Gefühl, ich bin mit meinem Nachlass beschäftigt; irgendwie schrumpft das alles auf 'ne Handvoll Papier zusammen, und es ist wie ein Wunder, wenn ich so ein altes Ding von mir wieder in die Hände kriege, dass das immer noch spricht, und hält, allein technisch. Als Anfang der 90er der Kunstmarkt zusammenbrach, waren das Verdauungsstörungen Fettlebe der 80er - offizielle Propaganda des Marktes und der Regierungschefs: Konsum Konsum. Hunger nach Bildern, noch ein Museum und noch ein Museum; danach gab's erstmal Verdauungsstörungen. Und im Moment weiss ich überhaupt nicht, wo dran gearbeitet wird. Da gibt es diesen Verhau von Texten an der Wand, Documenten und Biennalen, das schau ich mir fast gar nicht mehr an. Das ist so unübersichtlich geworden und - wie bei den Nachrichten - nur so lange wichtig, bis sie vorbei sind. Wie Screensaver. Hartz-Wusch-Sudan-Wusch-Tschetschenien-Wusch-Irak-Wusch-Goldmedaille-Wusch - und das stündlich. Und man weiss nichts. Und so funktioniert die Kunst auch. Aus den Augen aus dem Sinn - von der letzten Documenta, was bleibt da schon? Thomas Hirschhorn?! Alles andere ist ja gut gemacht, aber die ganzen Ambitionen sind nicht mehr abbildbar, auch nicht wichtig. Vergurkte Scheibenwischer - alle Klarheiten beseitigt.
Unsinnlich geworden?
Soweit würde ich nicht gehen. Aber so ein Gedöhns - jedes Wort, jede Geste, jeder Strich kann zehn verschiedene Sachen bedeuten. Also ich denke, dass die Jetzt-Zeit höher codiert ist als das Rokoko. Und die Denkstrukturen sind mittelalterlich - wie beim Steuerrecht, da blickt man zwei Meter nach vorne und dann gehts wieder rechtsrum linksrum rechtsrum. Nicht modern wie die neuen Städte, sondern wie so Gassen in Amsterdam - man verläuft sich, man hat nur Verwirrung im Kopf, tricky eben. Vielleicht ist Basteln jetzt das offizielle Geschäft.
Aber so einfach bastelt man ja nicht. Selbst wenn manche Ihrer Arbeiten auf den ersten Blick sehr grob, sehr direkt, wie hingeworfen scheinen, sieht man doch auch, was für ein Überlegen und Können dazu gehört.
Seit ich aufgehört habe zu trinken, habe ich wieder angefangen zu lesen. Da nehme ich abends dann ein Buch zu mir statt ein Bier. Gerade lese ich Michel de Montaigne - ein Vorbild von Nietzsche. Man muss nur 2 Seiten vor dem Schlafengehen lesen, da hat man nächtelang mit zu tun. Und die Nietzsche Lektüre, die hatte mich schon in meiner Jugend ruiniert, an irgendein Ideologiegebäude zu glauben. Und deswegen bastle ich. Basteln heisst: Arbeiten mit dem, was da ist, und gucken, wie weit man da kommt. Dass man eine zusätzliche Dimension reinkriegt, ist natürlich wichtig. Aber diese Extra-Dimension ist auch Glückssache.
Und wenn Sie das Gefühl haben, eine Arbeit sei gescheitert, gehen Sie trotzdem mit Ihr raus?
Es kommt so gut wie alles raus. Es gibt scheissiges Scheitern, und ein großes Scheitern, vor allen Leuten: Patsch! Also diese Selbstportraits, die hingen da, und ich fand sie total scheisse. Aber patsch! war das draussen, patsch! wurde das zu Geld gemacht, patsch! ist es in der Welt - ein paar Jahre später ist das allerdings wieder in Ordnung. Ich merke das erst hinterher.
Scheitern auf höchstem Niveau.
Ja, und seltsamerweise muss ich das heute immer noch den Museumsleuten vorsortieren, die wissen nicht, welches jetzt überhaupt und welches dann links, rechts; deswegen hängt die Latte auch so hoch, damit ich immer wieder mit erhobenem Haupt drunterher komme. Ich bin nicht soo begeistert von dem eigenen Kram, dass ich da so ewig... also ich habe mir schon ein dickes Fell zugelegt. Jedenfalls kommt eigentlich alles in die Welt, und das verwunderliche ist, für alles gibt es einen, der das aufbewahren will. Oder damit spekulieren... Und ab und zu gibt es mal grandiose Steilpässe, richtig gute Vorlagen und dann reagieren die Leute überhaupt nicht. Also im tollsten Erfolg kann man ja auch scheitern. Ausstellungen sind ja auch Prüfungen, nicht unbedingt nur Ehre.
Weil sie mit Ihrer Arbeit die Position eines Einzelgängers besetzen, sich nicht einfach einer Schule zuordnen lassen?
Ich war neulich wieder im K21. Wenn ich mir das mit Abstand angucke, es ist ja auch riesenhaft. Ich hätte ja aus allem, was ich mal gemacht habe - Ziegelsteine oder Häuser oder Geister - riesige Autobahnen legen können. Die ganze "Kreuzzug" Museumstour - Winterthur, Grenoble, Düsseldorf - wurde kaum richtig besprochen in der Presse. Ich glaube, das ist zu kompliziert, in Sprache zu übersetzen. Oder es ist die Angst der Schreiber, wenn es nicht einfältig genug ist.
Und wenn jetzt zum Beispiel Buchloh in Amerika den großen Diskurs über sagen wir die "Großen Geister" lostreten würde, würden sie dann reagieren und vielleicht doch diese Autobahn gehen?
Wenn man keinen Führerschein hat, kann man auch nicht Autobahnfahren.
Hinten im Taxi.
Und Katzeklo singen. Also diese Haltung ist natürlich auch ein Trick. So tun, als ob, das ist ja auch ein Spiel. Der einzige, der mir jetzt einfallen würde, mit einer ähnlichen Grundhaltung, der auch alles immer selber macht, ist Helge Schneider. der macht sein Ding, egal, was die Leute sagen. Einer der wenigen Leute, wo ich denke, der macht das schon richtig. Es ist ja auch Glücksache. Da kauft das Pompidou 'was und versteht es überhaupt nicht. Stellt es in die falsche Ecke - sieht aus wie Scheisse. Das kann ja an fünf Zentimetern liegen und gar nicht mal an der Arbeit selbst. Ich bin da einfach auch abhängig von der Verpackung und Präsentation. Es ist ja eh immer nur ein Versuch, ein Vorschlag. Man kommt damit durch, und dann kommt die Frage, was kommt als nächstes.
Und was kommt?
Im Moment sieht das ein bisschen so aus wie eine Retro-Bewegung, weil mich eben gerade tote Künstler mehr interessieren als lebende. Das dann durch seinen postmodernen Apparat durchzuschieben und sich dann auf Dürer oder Picasso zu beziehen, das ist natürlich Quatsch. Es ist interessant, alte Formen zu benutzen, neu zu durchdenken, aber bloß nicht zu wiederholen. No footnotes.
So wie Sie mit den Radierungen.
So Fotozeugs hatte ich ja auch gemacht. Aber die brauchen eineinhalb Stunden für 'ne Filmentwicklung, da hab ich doch schon 24 Zeichnungen gemacht. Und bevor das irgendjemand eingescannt hat, ist ja alles fertig. In der Druckerei machen wir am Tag, das war jetzt der Rekord - ich seh das ja sportlich - 18 Blätter aus dem Stand. 18 Vorlagen, und am Ende des Tages sind 18 definitve Prints, dreifarbig, abgesegnet. Aber wir sind zu viert, und Menschen sind eh besser als Maschinen.
Und so zeichnen Sie.
Ja, drei Stunden warten, Musik hören. Also: Kunst kann man nicht machen, man kann nur die Möglichkeiten herstellen, dass sie eintritt, diese gewisse Dimension. Und wenn man Pech hat, tritt die nicht ein. Und wenn man schlau ist, macht man nichts, bis es nicht so weit ist. Und man macht's nicht wieder kaputt, durch zu viel tun. Ich habe für jedes Projekt einen Nachmittag. Und wenn es da nicht weiter geht, fahre ich zum nächsten, um immer den Abstand zu haben. Und diese Vielfalt ist eigentlich eine Entzerrung. Um immer frisch reinzukommen, nicht aufräumen zu müssen, das ist ja das Genialste, diese Disaster erst mal liegen zu lassen. Wie ein Simultanschachspieler. Und möglichst auf Autopilot. Dass man gar nicht lange diskutiert und redet und grübelt, sondern das einfach geht. Die Bedingungen herstellen, dass es läuft, schnörkellos, Volleyschuss, ansatzlos, verwandelt.
Und Sie finden vielleicht bei einer Schachfigur eine Lösung für eine andere.
Das ist richtig. Nur: ich suche nicht unbedingt nach Lösungen, ich suche erstmal nach Problemen. Das verstehen die meisten nicht. Das merke ich beispielsweise oft bei Anfragen für Ausstellungen. Was für ein Problem habt ihr denn? Dann stellt sich heraus: es ist kein Geld da, es ist kein Platz da, es ist kein Licht da und Lust haben sie eigentlich auch nicht. Die meisten haben überhaupt kein Problem ausser: Wie kriegen wir für lau die Bude voll? Es gibt ja viel zu viel Platz für Kunst und Egos. Und wenn man anders denkt, quasi wie ein Unternehmensberater, und fragt: was fehlt? Was sind die Bedingungen? Was will jemand? Dann kann ich anfangen, es machen oder es lassen, denn frei bin ich ja sowieso.
Und wer wollte diese großen "Stahlfrauen"?
Nur ich selber - ich bin ja auch der alleinige Produzent. Diese Giesserei-Geschichten habe ich angefangen, weil ich die ganze Reiserei leid war. Immer mit dem Köfferchen: Airport-Taxi-Hotel-Aufbau-Galerie-Dinner-und-zurück, immer diese Openings. Ich sagte mir, bleib mal bei der Sache, und je langsamer das geht, desto besser geht das. Das dauert ekelhaft lange, Monate über Monate tut sich da überhaupt nichts: "Okay, jetzt haben wir wieder 20 cm hingekriegt und noch mal 20 cm" - und dann doch wieder alles abhacken. Sehr mühsam. Aber im Moment mache ich nichts Grosses - nur kleine Dinge. Ich weiß garnicht, wie ich den Sommer herumgekriegt habe. Die tägliche Banalität fällt, wenn man allein ist, ja beinahe ganz weg. Man braucht am Tag 'ne halbe Stunde für das Notwendigste, ein Stück Käse kaufen, Waschmaschine anschmeissen, Kaffee kochen - Zack fertig.
Sie haben zu viel Zeit?
Ja, gestern habe ich mich so gelangweilt, dass ich bei Google "Telefon" eingegeben habe. Und 11 Millionen Einträge gekriegt und vierhunderttausend Bilder. Dann habe ich "Aschenbecher" eingetippt - dreihunderttausend Einträge, fünftausend Bilder. Da ist alles drin, aber das ist überhaupt nicht wesentlich. Und dann wußte ich nicht, was ich noch nachgucken sollte, was sollte ich suchen... Also mein Hauptversuch ist, was kann noch wesentlich sein und sich behaupten gegen diese Müllflut. Was könnte man machen, was in sich so stimmt, daß es bleibt, und wenn es nur ein Gedanke ist. Die Tage tot zu schlagen, ist nicht so einfach, denn die wehren sich ja.
08 2004 für Alert #16 - nicht mehr erschienen, da das Magazin Konkurs ging. ... top. |